Samstag, 3. Dezember 2016

Bodengewinn



Peter HB9PJT hat auf mein letztes Blog hin einen interessanten Kommentar geschrieben:

10-12 dBi, Gewinnangabe wie früher, ohne genaue Hinweise, worauf sich die Angabe bezieht. Rechnet man dies korrekt um, bleibt ein Gewinn, der wirklich nicht sexy ist: 
> 11 dBi-2.15 db = 9 dBD> 9 dBD - 6 dB Ground gain = 3 dBD
Mit 3 dBD Gewinn ist die Antenne schlechter als eine HB9CV Antenne mit 4.2 dBD.

Die Angaben auf der WIMO-Seite sind tatsächlich etwas verwirrend. Normalerweise wird bei Antennen der Gewinn ohne Bodengewinn angegeben (dBi im Freiraum). Die leider kaum leserlichen Diagramme bei WIMO lassen jedoch darauf schließen, dass der Bodengewinn bei der Antenne von DF6SJ bereits berücksichtigt wurde. In dem Fall hätte Peter recht. Die Antenne wäre eine Luftnummer. Ein simpler CV-Beam auf dem Balkongeländer wäre mindestens gleich gut, dafür aber weniger auffällig.

Endgültige Klarheit kann nur die Praxis bringen: und das bedeutet reproduzierbare Vergleichsmessungen. EZNEC-Simulationen, so sehr ich diese schätze, genügen nicht.

Vielleicht könnte man die potenziellen Kunden bei dieser Gelegenheit auch darüber aufklären, was eine "VGR-Antenne" ist.

Leider kann ich das nicht. Dieser Begriff ist mir unbekannt. Aber mindestens den Bodengewinn (Ground Gain) will ich hier mal erläutern:

Bei horizontal polarisierten Antennen (z.B. Yagis) werden die abgestrahlten Wellen auch vom Boden vor der Antenne reflektiert. Bei einem gewissen Winkel sind beide Wellen in Phase und verstärken sich. Abhängig ist dieser Effekt von der Antennenhöhe/Wellenlänge und dem Terrain in Strahlrichtung. Im VHF/UHF-Bereich kann dieser Zusatzgewinn 5 bis 6 dB ausmachen.
Und das etwa bei einem Abstrahlwinkel von 3 Grad im 2m Band bei 10m Antennenhöhe. Auf 50 MHz sind es bei gleicher Antennenhöhe 9 Grad und im 70cm Band 1 Grad.
Wird die Höhe verdoppelt, halbiert sich der Abstrahlwinkel. Im 2m Band sind es dann noch 1.5 Grad. Allerdings wird dann das Richtdiagramm immer mehr aufgefächert in steilere Nebenkeulen, die immer stärker werden.

OZ1RH zeigt dies am Beispiel einer 2m Yagi mit einem Gewinn von 17.5 dBi im freien Raum.
Ist die Yagi nur 1/2 Wellenlänge, also 1m über Boden montiert, ergibt das nicht einen Bodengewinn, sondern einen Bodenverlust von -1.7dB. Bei 2m Aufbauhöhe hat sie aber schon einen Gewinn von 2.6dB, schielt aber mit 11 Grad ziemlich in die Höhe. Nicht gerade der Idealfall im flachen Land.
In 4m Höhe über Grund steigt der Bodengewinn bereits auf  4.8dB und die Hauptkeule hat noch 7 Grad Elevation. Bei 8m sind es dann 5.4 dB Bodengewinn bei 3.5 Grad.

Sitzt die Yagi inmitten von bebautem Terrain, wird die ganze Sache natürlich etwas unübersichtlich. Der Grundgewinn sinkt, die Fragmentierung der Nebenkeulen geht zurück.  Trotzdem ist man gut beraten, den Bodengewinn bei der Errichtung seiner Antennenanlage zu berücksichtigen. Auch auf den kurzen KW-Bändern. Immerhin erhält man da schon 2.6 Gratis-dB, bei einer 10m Yagi auf einem 10m Mast - bei einem günstigen Abstrahlwinkel für DX.
Das gilt aber nur für horizontal polarisierte Antennen. Grundgewinn und Abstrahlwinkel von Vertikalstrahlern sind viel mehr von der Bodenleitfähigkeit abhängig.

Da der Grundgewinn derart varrieren kann, sollten sich Gewinnangaben immer auf dBi im Freifeld beziehen - also ohne Berücksichtigung des Bodens. Alles andere ist m.E. nicht seriös.

PS. Gerade erreicht mich zu diesem Thema eine interessante Mail von Wolf-Henning DF9IC, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Hallo Anton,

ich wusste gar nicht, dass Du jetzt auch auf Wunderantennen stehst...
Diese von DF6SJ als "VGR" bezeichnete Antenne ist doch nichts anderes als eine in die Länge gezogene Doppelquad ohne Reflektor, mit Einspeisung unten statt in der Mitte. Die in die Länge gezogene Quad heisst Oblong; durch den größeren Abstand der stromführenden Horizontalelemente steigt der Gewinn der Einzelschleife von etwa 1 dBd der Quad auf etwa 2,5 dBd beim Oblong.
http://www.qsl.net/dk7zb/DK7ZB-Quad/Oblong.htm
Zwei davon sehr suboptimal gestockt dürften bei ca. 4-4,5 dBd herauskommen - etwa vergleichbar mit einer HB9CV.

Alles andere ist das übliche Antennenmärchen. DF6SJ hat die Antenne in der Zeitschrift UKW-Berichte sehr ausführlich beschrieben, allerdings primär als Antenne für KW (10 m), und dort mit sehr niedrigen Aufbauhöhen von 1-2 m und realem Boden Gewinne von 9 dBi in der elevierten Hauptkeule ermittelt. Ein Halbwellendipol, den man zwecks Äquivalenz in der Höhe der Antennenmitte (6-8 m) aufhängen müsste, hätte mit dem Boden zusammen vermutlich ca. 7 dBi.
http://www.voacap.com/antennas/squeezing-decibels-out-of-dipole/Für KW (10-15 m) mag eine solche "VGR"-Antenne mit geringer horizontaler Ausdehnung und einfacher Montage sinnvoll sein.

Bei 144 MHz in 1-3 m Höhe montiert ergibt sich, wie zu erwarten, 4...4,5 dBd (realer Gewinn im freien Raum) + 5...6 dB ground gain + 2,15 dB (d/i), also 11-12 dB Gewinn unter den genannten Rahmenbedingungen. Nur, dass glücklicherweise sonst niemand im UKW-Bereich den ground gain der Antenne zuschlägt - ist das Grundstück dafür im Preis der Antenne enthalten?

Und wer tatsächlich irgendeine 2-m-Antenne in nur 1-3 m Höhe über flachem Boden montiert, darf sich angesichts der resultierenden Erhebungswinkel nicht wundern, wenn es nichts wird mit dem gewünschten DX.

Gruss  Henning


Bild: "Himmelstür" für das 6m Band. Ebenfalls eine horizontal strahlende Antenne, trotz vertikaler Struktur.


Donnerstag, 1. Dezember 2016

Eine richtige Wunderantenne



Immer wieder erfinden OM neue Antennen. Manchmal auch gerade die passende Physik dazu. Die Wirksamkeit der wundersamen Konstruktionen wird in der Regel mit Anekdoten und einer Prise Glauben angepriesen.
Wunderantennen sind heutzutage sehr gefragt. Denn die Menschen wohnen immer dichter, oft wie Kaninchen in ihren Ställen. Da haben keine großen Antennen Platz.
Dummerweise besteht aber immer noch ein Zusammenhang zwischen der Größe und der Wirksamkeit einer Antenne, bei gegebener Wellenlänge.
Darum wird es für den  wohnverdichteten OM umso schwieriger, je länger die Wellen sind. Das 80m oder gar 160m Band bleibt manchem deswegen verschlossen.

Aber auch auf UKW reicht es oft nur für einen Blindenstock.
Darum ist der SSB-Teil im 2m Band in den letzten Jahrzehnten immer mehr ausgetrocknet. "Da ist ja nichts los", wird oft geklagt. Und die OM verkriechen sich als Alternative hinter ihrem Computer. Obwohl eigentlich bekannt sein müsste, dass Computer keine Funkgeräte sind - höchstens Störgeräte.

"Nichts los" liegt natürlich auch am Blindenstock, denn die falsche Polarisation frisst bis 20dB weg. Das sind Welten.

Nun ist eine "Wunderantenne" aufgetaucht, die zwar vertikal aussieht, aber trotzdem horizontal polarisiert ist - und das noch bei respektablem Gewinn, vergleichbar mit dem einer kleinen Yagi.

Und das beste kommt zum Schluss: Nicht OM Waldheini hat sie entwickelt, samt zugehöriger Esoterik-Physik, sondern der bekannte und renommierte Prof. Dr.-Ing Gerd Janzen DF6SJ.
 Hier kann man dieses Wunder kaufen.
Bald soll es auch eine Ausführung für 70cm ... und noch wichtiger, für 6m geben. Ich bin gespannt wie eine Büroklammer.

Bild: Mikrowellenrelais oberhalb Monte Carlo

PS. "Blindenstock" ist ein Synonym für VHF-Vertikalstrahler. SSB-Verkehr im 2m Band findet im Gegensatz zu FM mit horizontaler Polarisation statt.

Dienstag, 29. November 2016

Druck allein reicht nicht





Zu meinen letzten Blogeinträgen haben mich schon etliche Email erreicht. Es tut mir leid, wenn ich nicht allen detailliertet antworten kann - mir fehlt eine Redaktionsassistentin ;-)

Hier ein ausführlicher Bericht von Thomas DO9TR mit interessanten Ansichten und Einsichten:

Hallo Anton,

als Schweizer besitzt du ja seit Geburt an ein Offiziersmesser, das sieht man auch an deinem neuem MacGyverismn.
Allerdings wird die Eichbehörde da nicht mitspielen. Glaub mir… Mein Tipp: Mit Gaffa-Tape und Kaugummipapier kannst du
dem entgegenwirken! Beachte aber, dass bei Zeigerausschlag das Ding hochgehen kann!

Heute Abend hatten wir, in unseren Räumen in Baunatal, den Tisch voller Tasten. Einfache, teure und welche für ein halbes Vermögen.
Schnell entbrannte eine Diskussion, dessen Fazit ich ebenfalls teile: Der Druck alleine ist kein Indiz für die Einstellung einer Taste und kann
auch nicht als Anhaltspunkt oder Vergleich dienen.
Der Hubweg, der Winkel der Finger oder gar die Position der Taste auf dem Tisch entscheiden. Jede Taste ist anders, genau wie der OM, der sie bedient.
Dicke Finger, sanfter Druck, ein Pressen oder ein Streicheln, jeder bedient die Taste anders.
Unter’m Strich kann jeder gute Telegraphist mit den meisten Tasten gut geben. Es ist nur Gewöhnung und Erfahrung. Man passt sich (zum Teil) der Taste an.
Kontaktabstand und Material sind entscheidende Feinheiten.

Ich selbst besitze eine Begali 60th Anniversary.
Geringer Kontaktabstand und leichter Federdruck, dass das Paddle bei
einem Windzug sich bewegt….. schwer als Anfänger, aber eine interessante Herausforderung.
Was beim Messen herauskam? Meine Grundeinstellung war bei 20 Gramm links und 17 Gramm rechts. Bis auf 7 Gramm kann die Taste reduziert werden, dann hat man die
Schrauben mit den Magneten  in der Hand. Den Restwiderstand erzeugen die Gegenmagneten an den Paddlearmen. Für mich etwas zu geringer Druck.
Bei höherem Tempo wohl auch nicht zufriedenstellend, da der 0-Punkt nicht umgehend erreicht wird. Ein geringer Widerstand sollte schon da sein, sonst bleibt die Taste hängen.
Und auch das ist bei anderen Modellen ganz anders, welche sich auf wenige Gramm ohne Defizite reduzieren lassen. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen Feder und Magneten,
alles kaum wahrnehmbare Feinheiten.
Im mittleren zweistelligen Bereich befindet sich meine Taste nun, wenn auch in Zukunft mit einem  viel geringeren Abstand, ganz nach dem Motto: „Der (geringe) Weg ist das Ziel.“.
Und die Moral von der Geschicht‘: Ich hatte zum ersten mal ein Dynamometer in der Hand und  weiß, dass 10 Gramm eigentlich ….nichts sind!

73 de Thomas (DO9TR)
- Funkamateure e. V. -

Sogar von OM die nicht viel mit CW anfangen können erreichen mich interessante Mail. Die folgende ist von Robert DL5FCE

 Ich verfolge seit einigen Tagen das was in Deinem Block zu lesen ist und die Diskussionen im Kreise der Funkamateurein Baunatal. Wenn ich die Artikel so lese, muss ich immer wieder etwas schmunzeln. Jetzt sind wir schon soweit das die Kräfte der einzelnen Paddel gemessen werden und sogar auf beidenSeiten gleich einjustiert werden. Ach ja meine billige ETM Taste hat nur eine Feder für beide Arme, das wurde vor zwei oder drei Jahren noch als no go eingestuft. Warum haben eigentlich
die teuren Tasten 500,-€ aus Italien nur zwei unabhängige Einstellschrauben um jeden Arm einzeln einzustellen.Der Hub erst einmal, gut der ist von der Länge der Arme abhängig oder auch
nicht. Dann gibt es noch die Sensor Tasten, stimmt, das geht gar nicht, die haben weder Hub noch Kraft. Über die Palm Tasten will ich mich nicht äußern, das ist eine Plastikwelt für sich.
Îch, der nix mit CW am Hut hat, kann allerdings eines recht genau beurteilen, in unserer Runde mit OMs die zwischen 60 bis 250 BpM geben und hören können, schwört jeder auf seine
Taste, das ist die Beste. So bin ich der festen Überzeugen, die Einstellungen und Konstruktionen der Tasten sind für jeden OM ganz individuell zu bewerten. Es gibt kaum eine schlechte Taste,
allenfalls eine Bessere, die man haben möchte (wenn es eine Taste gibt, die auch hören kann, dann ist das was für mich :-)). 
Schöne Grüße aus Nordhessen

Aber es gibt auch OM, die drucklosen Tasten den Vorzug geben. Einer davon ist Harry DL2ZBO. Er schreibt:

  Hallo Anton,
Bernd (DK1DU) hat am letzten Montag die Morsegarage mit der "Schnapsnase" mitgebracht. Die Garage macht einen soliden Eindruck. Ich persönlich gebe lieber mit den "normalen" Squeeze- und am liebsten mit Sensortasten. Für den Portabel-Betrieb habe ich auch eine kleine gebaut.
Als Gewicht habe ich kleine Platten mit unterschiedlichen Gewichten. Unter den Tasten ist ein bzw. zwei Neodym-Magnete geklebt. Die Magnete haben eine Haftkraft von ca. 4 kg. Leider sind das Gewicht der Platten und vor allem die Standfüße das größte Problem. Ein Versuch mit verklebten Mousepads unter den Gewichten funktioniert ein wenig besser als die Gummi-Klebefüße. Das ist auch ein Problem der Morsegarage. Das Gewicht ist recht gering und die Standfestigkeit durch die Gummifüße könnte auch besser sein.
Die Sensortasten muss man eigentlich nur streicheln, bei den üblichen Tasten und vor allem den Ein-Hebeltasten haut manch ein Telegrafist schon heftiger dagegen. Da wandert die Taste dann schön über den Stationstisch, wie auch am Montag zu sehen war ;-)

Hier seine Tastenkollektion und das Schema der Elektronik:



Soweit die verschiedenen Berichte. Was die Sensortasten angeht: Das hat was, wie ich bestätigen kann. Bei einer Sensortaste wird der Druck nicht durch die Tastenmechanik, sondern durch den OP definiert. Ich war früher sehr skeptisch diesen vollelektronischen Tasten gegenüber. Seit ich jedoch mit einer "spielen" konnte (Danke Bernd), bin ich davon sehr angetan und kann nur empfehlen, so ein Teil selbst mal auszuprobieren.

Bild: ein Dynamometer aus Frankreich.

Montag, 28. November 2016

Der Strohhalm der Meterlosen

Kaum ist mein Blog über Donna Clara und das Dynamometer erschienen, rumpelt es in den Hirnen der OM. Zumindest bei den Tastfunkern. Die 59er mit ihren Mikrofonen haben dafür vermutlich nur ein Lächeln übrig und die Digitaliker werden sich wohl über den nostalgischen Unsinn wundern, der da vor ihren digitalen Augen veranstaltet wird.

Zum Dynamometer gibt es bereits einen interessanten Workaround wie mir gerade ein Meterloser berichtet. Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

Salut Anton

Hab grad dein Blog gelesen, super! Denn so ist es gut: Der Ingenieur drückt in Zahlen aus, wovon er spricht!

Zur Not kann man auch mit Haushaltmaterial ein Dynamometer bauen. Schon unkalibriert erlaubt es die Feststellung, ob die Kräfte einigermassen symmetrisch eingestellt sind. Wer über eine Grammwaage verfügt, kann seinen Strohhalm damit „kalibrieren“ und kriegt so einen groben Anhaltspunkt von den absoluten Kräften.

73 de Hansjörg




 Die Zwei auf seinem Papierometer würden etwa 20 Gramm entsprechen, teilt mir Hansjörg HB9EWH gerade mit. Das kann natürlich von Trinkhalm zu Trinkhalm variieren, je nach dem ob Aldi, Lidl, Coop oder Migros ;-)

Sonntag, 27. November 2016

Donna Clara und das Dynamometer



Das klingt nach einer Liebesgeschichte, nicht wahr? Doch in Wirklichkeit ist es eine technische Angelegenheit. Zugegeben nicht ganz emotionslos, aber eben doch keine postfaktische Geschichte, um mal einen zurzeit mediengängigen Ausdruck zu missbrauchen.

Die Geschichte begann mit einer Garage, die morste, genau genommen mit diesem Artikel hier. Nachdem ich die Pico Single alias kleine Schnapsnase von Palm Radio ausprobiert und an meinen Freund Bernd zur Observierung geschickt hatte, kam aus Kassel die Meldung, dass die Kleine nur schwer zu ihrer Mitte fand. Die Taste hatte keine eindeutige Ruhestellung.

Diese Nachricht entging nicht dem scharfen Auge von Hannes DL9SCO von Palm Radio. Natürlich wollte er wissen, was da schief lief oder gelaufen war.
Um es kurz zu machen: die Pico Single wurde durch Palm gegen eine aus neuster Produktion ausgetauscht.
Gleichzeitig versprach ich, die Pico Single in Zukunft nicht mehr Schnapsnase sondern Donna Clara zu nennen, sollte die Kleine doch noch beweisen, dass sie ihre exakte Mitte fand. Der Grund für die Namensänderung findet ihr - bei genauem Hinhören - im folgenden Lied:


Max Raabe vom Palast Orchester hat diesen uralten Schinken auf seine unnachahmliche Weise interpretiert:


Dieses Versprechen will ich halten:
Die Donna Clara alias kleine Schnapsnase hat es tatsächlich geschafft, ihre genaue Mitte zu finden, wie mir Bernd DK1DU versichert hat. Ein beruhigendes Resultat, denn Palm ist meines Erachtens - um einen gängigen Ausdruck aus der deutschen Politik zu verwenden - alternativlos.
Wer möchte in Zukunft schon eine der schweren Vollmetall-Tasten durch Feld und Wald oder gar auf Bergeshöhe schleppen? Und die Dinger, die man an einem fixen Platz direkt an die Elecrafts schrauben kann, sind unflexibel und in meinen Augen strunzhässlich. Die Palmen sind nicht nur federleicht und können mit ihren Magneten dort "angeklebt" werden, wo es dem OP passt, sie sind durch ihre Schildkrötentechnik auch optimal während des Transports geschützt. Ein wichtiger Punkt bei einem Präzisions-Instrument.

Doch genug der Reklame für Palm. Denn die Geschichte der Donna Clara ist noch nicht zu ende; es fehlt das Dynamometer.

Viele Telegrafisten bevorzugen nicht nur einen minimalen Kontaktabstand, sondern auch einen möglichst geringen Hebeldruck. Bernd gehört dazu, wie ich weiß, und ich ebenfalls. Der oder die Hebel der Tasten sollen sich so leicht bewegen lassen, dass fast ein Windhauch zu ihrer Betätigung genügen würde.

Doch was bedeutet das in Wirklichkeit, beziehungsweise in Gramm oder Millinewton ausgedrückt?
Ich muss gestehen, ich hatte keine Ahnung. Und ich weiß nicht, wie es anderen Telegrafisten ergeht. Vermutlich stellen viele ihre Tasten einfach nach Gefühl ein, wie ich das bisher auch gemacht habe.

Wie wird das bei einem Hersteller wie Palm Radio gehandhabt? Wie werden die Tasten vor der Auslieferung eingestellt?
Hier die Antwort von Hannes DL9SCO, nachdem er die Taste zum Austausch erhalten hatte:

Guten Abend liebe Freunde der magischen Klopfzeichen,

die PPS von Bernd (Antons Original-Taste) ist mittlerweile wieder bei mit gelandet und ich habe sie analysiert.

Das Dynamometer zeigte folgende Werte an: Rechs ca. 6 Gramm, Links ca. 10 Gramm.

Bei dieser Einstellung zentrierte das Schnapsnäschen in der Tat nicht mehr sauber, die 6 Gramm sind einfach zu wenig.

Normalerweise zentriert die PPS bei ca. 10 Gramm, deswegen legen wir unsere Einstellwerte etwas darüber (15 Gramm).

Damit haben wir etwas "Luft", denn auch hier gibt es eine gewisse Schwankungsbreite.

Bei der großen Schnapsnase sieht es anders aus, diese kann vermutlich ab ca. 5 Gramm sauber zentrieren, wir stellen aber 10 Gramm ein.

Hier nochmal zusammengefasst unsere Werte:

PPS: 15 Gramm

PP: 20 Gramm

PS: 10 Gramm

MP: 20 Gramm

Ich bin am überlegen, ob man nicht generell auch die Pico Tasten PP und PPS auf 20 Gramm einstellen sollte - diesen Wert haben wir vor Jahren bei den MPs festgelegt und damit eigentlich nie etwas Negatives gehört. Die ETM-Tasten waren übrigens früher genauso eingestellt, daran haben wir uns orientiert. Vielleicht kann Bernd seine PPS mal "hochdrehen" auf 20 Gramm und seinen Eindruck berichten.

So, das war's erstmal von hier, allerseits ein schönes Wochenende und mni 73 aus Ulm!

Hannes, DL9SCO
Aha, da taucht es also auf, das mysteriöse Dynamometer. Und zugleich auch die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn der Kunde selbst und nach Gefühl an der Taste herumschraubt.

Keine Frage: ich musste auch so ein Dynamometer haben und das bereits vor Weihnachten. Der Zufall wollte es, dass ich auf ein Instrument stieß, das mir wohl bekannt war. Eine Federwaage der Marke Corex von der Firma Haag-Streit in Bern. Damit habe ich einmal in längst vergangenen Zeiten Relais von Telefonzentralen gerichtet.

 

Federwaage, Dynamometer, Gram Dial Gauge, es ist alles dasselbe: ein Instrument, mit dem man kleine Kräfte messen kann, die zum Beispiel auf einen Hebel oder einen Kontakt wirken.

Auch die Corex trat, wie bereits die Palm Pico Single und die Pico-Base aus der Morsegarage, ihre Reise nach Kassel an. Denn dort, bei den Funkamateuren e.V. treffen sich jeden Montag XYL und OM zum Erfahrungsaustausch, zum Messen und Basteln, die Erfahrung mit Tasten haben. Im SOTA-Einsatz unter anderem. Genau das richtige und kritische Gremium um solche Dinge zu erforschen.
Diese Damen und Herren müssen keine Rücksicht nehmen auf Anzeigekunden und Spezis. Da werden keine Fakenews (früher Ente genannt) produziert um wieder ein Wort zu verwenden, dass zurzeit von den Medien wie eine Sau durchs Dorf getrieben wird ;-)

Aber lesen wir einfach mal, was Bernd zu der ganzen Story meinte, nachdem er die Corex erhalten hatte. Seine Erfahrungen decken sich mit den meinen. Hier seine Email dazu:
Liebe Tastendrücker,
das hätte ich nicht gedacht: Meine Tasten habe ich in der Regel knapp und ganz leicht eingestellt. Vom Stationstisch funke ich am liebsten mit Begali Sculpture (Doppelhebel) oder mit HST (Einzelhebel). Knapp und leicht, damit ich ohne Kraft und lange Wege auch bei flotterem Tempo ohne große Anstrengungen durch das QSO komme. Das sei so leicht dachte ich, dass ein Windstoß gleich einen CQ-Ruf auslösen könnte. Zwei bis drei Gramm Tastendruck hatte ich mir vorgestellt. - Weit gefehlt!
Dann habe ich mal gemessen: So zwischen 13 und 18 Gramm! - An allen Tasten. Mindestens. Bei den kleinen Minis und superkleinen Picos von Palm und auch bei den Großen. Da habe ich aber gestaunt. Die Unterschiede zwischen den Tasten waren nicht groß. Wohl aber die Unterschiede zwischen Punkt- und Strichseite. Da, wo es ging hatte ich mir für die Striche überall einen höheren Druck eingestellt. Ist das eine dumme Angewohnheit oder schon Marotte? Mit der Waage jedenfalls habe ich das korrigiert und siehe da, es stellt sich ein neues aber gutes Gefühl beim Geben ein.
(Bei der Bug (Viproplex) ist das anders: auf der Strichseite hat sie 30 und auf der Punktseite 15 Gramm. Klar muss die Punktseite auch mit dem nötigen Schwung genommen werden und weil Impuls= Masse x Beschleunigung ist, gelten bei einer Schlackertaste nicht nur an der Stelle ganz andere Voraussetzungen.)
Taste ist nicht gleich Taste: Paddles haben unterschiedliche Hebel-Geometrie, unterschiedliche Aufhängungen, Lagerungen, Drehachsen und -lager. Das macht für komfortables Geben jeweils unterschiedlichen Hebeldruck und -weg nötig. So kann man schon von daher nicht für alle Tasten einen optimal Druck empfehlen. Auch deshalb nicht, wenn man die Unterschiede möglicher Telegrafistenhände betrachtet.
Die kleine Federwaage ist wirklich eine tolle Sache. Großen Dank an dich lieber Anton. Sie geht geht ab Montag in die Runde. Die Waage. Ich bin schon gespannt und freue mich auf den gemeinsamen Erkennntnisgewinn.
Viele Grüße aus Kassel
(bei Baunatal)
Bernd, DK1DU
Damit ist die Geschichte der Donna Clara und dem Dynamometer zu ende. Endlich wissen wir Bescheid und stochern bei der Einstellung unserer Morsetasten nicht mehr im Nebel. Oft habe ich den Satz gehört:  "Ich muss mal meine Taste neu einstellen, sie tut nicht mehr richtig." Oft habe ich an meinen Tasten rumgeschraubt, weil ich den Eindruck hatte, die Einstellung sei nicht optimal oder die Taste tue nicht so wie sie sollte. Kein Wunder, wenn man nicht weiß, was man tut, wenn man nicht messen kann, was man einstellt. Den Kontaktabstand einzustellen war in der Regel kein Problem: Begali liefert zu seinen Tasten jeweils eine Fühlerlehre (Abstandslehre). Doch beim Tastendruck musste das Gefühl des OP herhalten. So wurden es halt mal links 5 Gramm und rechts 16 oder ähnlich und irgendwie blieb ein Gefühl zurück, irgendetwas stimme da nicht ganz.
Mag sein, dass es Menschen gibt, die mit ihren Fingern Kräfte im Millinewton-Bereich bestimmen können - ich gehöre nicht dazu. Und wie folgender Link beweist, trifft das wohl auch für die meisten anderen Telegrafisten zu:
http://www.morsekey.net/dynamometer.html

Vielen Dank an alle Beteiligten: an die Donna Clara, an Hansjörg HB9DWS, an Hannes DL9SCO, an Bernd DK1DU und an die XYL und OM der Funkamateure e.V.

PS. Also, liebe Tastendrücker und Freunde von Klopfzeichen: wenn euch ein Dynamometer über den Weg läuft: zögert nicht und reißt es euch unter den Nagel. Vorzugsweise mit 30 oder 50 Gramm Vollausschlag.


 

 

Freitag, 25. November 2016

Wie testet man eine Dummy Load?


Gestern Abend fragte mich ein Freund in einem CW-QSO, ob ich denn meine neue Dummy Load schon getestet hätte. Erst nach einem Belastungstest mit Vollast könne man sicher sein, dass das Teil auch wirklich funktioniere. Das leuchtete mir zwar ein, doch im Hintergrund meiner Gedanken lauerte immer noch der giftige Staub aus Beryllium Oxyd.
Also ging ich nach dem QSO erst mal runter (mein Shack ist unter dem Dach) um bei einem Glas Tastenöl darüber nachzudenken.
Meine PA habe ich nicht für Dauerbetrieb ausgelegt und ich mochte sie nicht unnötig strapazieren. Außerdem schafft sie mit ihrem 1kVA Trafo keinen CW-Dauerstrich mit 1kW HF.
Aber mein Freund hatte mir nicht nur den Floh mit dem Belastungstest ins Ohr gesetzt, er gab mir auch einen Tipp wie man einen 1kW-Dummy Load belastet, ohne dazu seine PA zu benutzen.
Er ist nämlich ein "Messfreak" und weiß in solchen Sachen Bescheid.
"Häng das Teil doch einfach ans Stromnetz", morste er mir. "50 Hz genügen, du brauchst keine dreieinhalb Millionen Hertz."
"Aber natürlich nur über einen Trenntrafo", morste er hinzu und ich wunderte mich, wieso ich nicht selbst auf diese Idee gekommen war.

Wo sollte ich denn Spätabends noch einen 1kVA Trenntrafo hernehmen, sinnierte ich. Doch das Tastenöl brachte mich zu dem Schluss, dass ich diesen eigentlich gar nicht brauchte. Auch das Beryllium rückte in den Hintergrund. Den Stripline-Widerständen würde es sicher nicht gerade den Hut lüften. Sie waren ja bestens gekühlt.
Also nochmals rauf in den Shack und rasch das Voltmeter in die Dose. Voilà: 234 Volt. Spannung im Quadrat durch 50 Ohm ergibt 1095 Watt. Gerade richtig für die ultimative Prüfung der neuen Dummy.

No risk no fun. Schnell noch ein Blick, ob der Hauskater nicht in der Nähe war und dann bekam die Dummy Saft. Über zwei Laborkabel - der Innenleiter auf Phase. Das Licht im Shack wurde etwas gedimmt, doch die Dummy hielt. Ganze 10 Minuten lang.
"Das reicht", beschloss ich und beendete den Test. In der Aufregung vergaß ich die Temperatur zu messen, wie mir mein Freund eingeschärft hatte. Ich stand einfach da, zählte die Minuten und wartete auf den Knall.

Später, als ich den gelungenen Test mit einem zweiten Glas Tastenöl begoss, philosophierte ich darüber, wieso einige OM so versessen auf den Bau dicker Endstufen sind.
Das Streben nach Power gehört wohl zum männlichen Balzverhalten. Ein Blick auf den Straßenverkehr genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Natürlich betrifft das vor allem junge Männer im "Paarungsalter." Aber vielleicht auch gestandene Männer in ihrer Midlife Crisis, dachte ich.
Könnte es also eine Ausprägung von spätpubertärem Balzverhalten sein, wenn sich OM einen Wettbewerb um die längste dickste Endstufe liefern?
Nach dem dritten Glas Tastenöl verwarf ich den Gedanken wieder. Denn in dieser Theorie fehlte ein entscheidendes Element: die Frau, wie ich aus meiner ausgelebten Midlife Crisis wusste. Frauen kann Mann man mit Endstufen kaum beeindrucken

Und übrigens: Nein ich habe heute morgen keinen Kater und der andere Kater lebt auch noch. Er war während des Tests am Mausen.

    
Film: Glück ist ein wichtiger Bestandteil des Schicksals
Bild: Saft aus der Dose

PS. Zuviel Tastenöl: in einer ersten Version hatte ich für die Leistung eine falsche Formel angegeben. Danke Willi für den Tipp ;-)
  

Donnerstag, 24. November 2016

Eine neue Dummy Load



Im Verlaufe des Lebens gibt es Erlebnisse - ich nenne sie Schlüsselerlebnisse - die man nicht mehr vergisst. Ganz am Anfang meiner Funkerkarriere, ich ging noch zur Schule und hatte noch keine Funklizenz, hatte ich ein solches Erlebnis. Ich erinnere mich daran, als sei es erst gestern gewesen.
Ich hatte gerade ein Transistor-Audion für das 40m Band gebaut und war mächtig stolz darauf. Es funktionierte bestens und ich lauschte damit nächtelang den QSO's der OM. Natürlich nahm ich das Gerät mit, als ich mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr.
Der Zufall wollte es, dass ich dort einem Funkamateur begegnete und wir ins Gespräch kamen. Funkamateure waren für mich damals so etwas wie Halbgötter. Voller Begeisterung zeigte ich ihm meinen Empfänger. Wir schraubten den Deckel ab und er nahm die Verdrahtung in Augenschein.
Dann sagte er zu mir: "Das sieht nicht gut aus, die Lötstellen sind schlecht, der Aufbau nicht durchdacht. Das ist kein schönes Gerät."
"Aber es funktioniert", entgegnete ich verdattert.
"Meinetwegen, aber es ist schlecht gemacht."

Gut, dass ich mich damals nicht entmutigen ließ. In der Zwischenzeit habe ich unzählige Geräte gebaut. Besonders schön sahen sie nie aus, aber die meisten funktionierten.

Einige Projekte entpuppten sich aber auch als Desaster. Zum Beispiel die 1kW-Dummy Load für Kurzwelle, die ich mit 200 parallel geschalteten Widerständen aufgebaut hatte. Was für eine Schnapsidee! Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, ich habe hier und hier darüber berichtet.

Hätte das Teil funktioniert, hätte mich sein Aussehen nicht gestört. Aber die Dummy war unbrauchbar. Nun habe ich eine neue gebaut. Diesmal mit bloß zwei Widerständen:



Eine Schönheit ist sie immer noch nicht geworden, dafür funktioniert sie jetzt. SWR 1.00 bis 25 MHz und 1.01 bei 30 MHz. Auch auf 50 MHz ist das SWR noch akzeptabel mit 1.06. Doch dort sind eh keine Endstufen erlaubt. Einige HB9er haben das zwar immer noch nicht begriffen. Vielleicht schnallen sie es erst, dass im 6m Band nur 100W erlaubt sind, wenn es an der Haustür klingelt ;-)

Auf 2m ist das Stehwellverhältnis zu hoch (1.4) und ich müsste die Kapazität der beiden Stripline-Widerstände kompensieren oder gar den Aufbau ändern. Doch für VHF und höher ist diese Dummy nicht gedacht.

Und so sieht die Neue bei abgeschraubtem Deckel aus:





Die beiden Stripline-Widerstände sind von Diconex und parallel geschaltet. Ich hätte auch einen einzigen und dafür einen mit mehr Leistung nehmen können. Aber die beiden waren ein Schnäppchen und erfahrungsgemäß ist es besser, die Wärme über eine grössere Fläche zu verteilen.
Damit die entstehende Wärme rasch abgeführt und verteilt wird, sorgt die Kupferplatte. Kupfer leitet die Wärme doppelt so gut wie Aluminium.
Im schlimmsten Fall müssen ja 1kW (max. zugelassene Leistung in HB9) vernichtet werden. Die Dummy Load wird also stärker belastet als der Kühlkörper in der PA! Dem ist mit einer entsprechender Dimensionierung Rechnung zu tragen. Zumal diese Strip-Line-Widerstände nicht ganz ungefährlich sind. Explodieren sie, so kann - wie bei Endstufentransistoren - Beryllium Oxyd freigesetzt werden. Diese Substanz ist sehr giftig, wenn sie als Staub in die Lungen gelangt!

Bild: Ein Elektriker beim Strom abzapfen.